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ls Winya zu uns kam, hieß es: „schwer vermittelbar“. Sie kam aus dem Tierschutz in Rumänien, war hoch verängstigt und ließ sich nicht anfassen. Wahrscheinlich hatte sie Gründe. Das Letzte, was wir sicher wissen: Sie wurde ein Jahr lang in einer Holzbox gehalten, so eng, dass sie sich kaum aufrichten konnte. Erfahrene Hundetrainerinnen sagten, sie hätten selten einen so schweren Fall gesehen.
Was dann geschah, klingt nicht spektakulär – und genau das ist der Punkt. Über etwas mehr als ein Jahr bekam Winya vor allem drei Dinge:
• Zuneigung, ohne Druck: Nähe anbieten, aber nicht erzwingen.
• Verlässlichkeit: gleiche Abläufe, klare Grenzen, ruhiger Ton.
• Wahlmöglichkeiten: Rückzug, Pausen, ein Platz, an dem niemand sie bedrängt.
Dazu kamen Lob, Spiel und das Gefühl: Wir sind da, aber wir überrollen dich nicht.
Heute funkeln ihre Augen. Sie lässt Nähe zu. Sie ist verwandelt.
Diese Geschichte ist kein kitschiger „Vorher–Nachher“-Plot. Sie zeigt, was Sicherheit bewirken kann – besonders bei Lebewesen, deren Nervensystem gelernt hat: Die Welt ist gefährlich.
Psychologische Sicherheit ist keine Stimmung und auch nicht „wir sind alle nett“. Sie entsteht, wenn ein Umfeld im Körper ankommt als:
• Ich werde nicht beschämt.
• Ich werde nicht übergangen oder überrannt.
• Ich darf Fehler machen, ohne dass es Konsequenzen für meinen Wert gibt.
• Ich habe Optionen.
• Wenn etwas schiefgeht, wird es repariert.
Wer mit traumatisierten Tieren (oder Menschen) zu tun hat, merkt schnell: Sicherheit entsteht nicht durch Appelle. Sie wächst durch Wiederholung. Verlässlichkeit wirkt wie Therapie. Ein stabiler Rahmen senkt Alarmbereitschaft. Rückzug ist keine Schwäche, sondern eine Voraussetzung für Kontakt. Und Zugehörigkeit entsteht nicht durch Anpassung, sondern dadurch, dass man bleiben darf, wie man ist.
Genau hier beginnt die Brücke zur Arbeitswelt. Teams sind auch Umgebungen, in denen Nervensysteme aufeinander reagieren. Viele Menschen scannen ständig:
• Ist es hier sicher, etwas zu sagen?
• Werde ich lächerlich gemacht?
• Darf ich Grenzen setzen – ohne Nachteile?
Viele Formen von Stress im Job – gerade bei historisch marginalisierten Personen – sind nicht „Empfindlichkeit“, sondern eine vernünftige Reaktion auf widersprüchliche oder bedrohliche Signale. Wenn Sicherheit unklar ist, steigt Selbstschutz. Und Selbstschutz kostet Kraft: weniger Ideen, weniger Beteiligung, mehr Rückzug, mehr innere Distanz.
Winya hat uns gezeigt, was auch in Organisationen gilt: Sicherheit braucht konkrete Bedingungen.
• klare Regeln gegen Übergriffigkeit und Beschämung
• Abläufe, die verlässlich sind
• Fragen, die nicht bestraft werden
• Führung, die Reparatur vorlebt („Ich habe dich unterbrochen – das war nicht okay.“)
• ein Umfeld, in dem Menschen nicht nur geduldet, sondern wirklich gewollt sind
Psychologische Sicherheit ist nicht weich. Sie ist die Basis dafür, dass Menschen lernen, Verantwortung übernehmen und unter Druck zusammenhalten.
Und damit ist auch klar, warum Tierschutz und mentale Gesundheit für uns zusammengehören – und warum Eriksen Academy und Santuario keine zwei getrennten Welten sind. Uns treibt derselbe Gedanke an: Bedingungen so zu verändern, dass Leben leichter und würdiger wird.
Wir sehen Tiere nicht als Besitz oder Deko, sondern als Mitgeschöpfe. Daraus folgt Verantwortung: nicht nur freundlich zu sein, sondern Strukturen zu schaffen, die schützen. Deshalb fließt ein Teil der Einnahmen der Academy zurück ins Tierschutzprojekt. Was erst ungewöhnlich wirkt, ist für uns stimmig: Wir arbeiten mit Menschen und Organisationen daran, gesünder, gerechter und verantwortlicher zu handeln – und wir bauen parallel einen Ort, an dem diese Haltung konkret wird.
Winyas Geschichte ist für uns keine kitschige Metapher. Sie ist ein Beleg: Sicherheit verändert Leben. Auch in der Arbeitswelt.